Wildwuchs vs. Klein-Mädchen-Mumu


„Früher liefen alle mit buschigem Wildwuchs herum, jetzt alle glatt und nackig oder mit schicken kleinen Landebähnchen, und sogar traditionelle Journale bringen Titelgeschichten über den Unten-ohne-Trend. Wie, du rasierst, waxt, epilierst dich nicht untenrum?
[…] Die Enthaarungsbewegung nahm still und leise ihren Lauf. Erst verpöhnt, dann Trend, jetzt Standard.“ Sommer, Marie: Dirty Girl (2010)

 

Gerupftes Huhn im Schritt ist jetzt also Standard? Gut zu wissen! Dachte ich doch bis anhin, die Intimrasur sei nur Thema bei der youporn-Generation kurz nach der Pubertät und als gestandene, erwachsene Frau könne man es ruhig bei der Entbuschung auf einen Zentimenter Gesamthaarlänge belassen und sich die unangenehme Volltortur einfach ersparen.

Ich hatte mein erstes Intimbereich-Waxing – oder eigentlich „Sugaring“ – bereits vor über zehn Jahren. In jener Zeit also, als die Glatze im Schritt in unseren Kulturkreisen noch als anrüchig und bordellmässig galt. In den „Genuss“ des vulvanalen Kahlschlags kam ich im Rahmen meiner ersten Hochzeit am Rande der sandigen Weiten Nordafrikas. Dort ist das Prozedere traditioneller Bestandteil eines vierzehntägigen „wir basteln uns eine angemessene Braut“-Marathons. Nach dem ich also bereits an allen anderen Stellen gerupft, geschrubbelt und mit Henna bemalt worden war, folgte am Tag X in der entspannten Atmosphäre des örtlichen Hammams das Intimbereich-Sugaring.

Ich war nicht entspannt.
Es war furchtbar! Es war peinlich und hat wirklich und ehrlich ganz schrecklich weh getan! Ich habe mich erst geziert und bis zum dritten „Ratsch“ die Zähne zusammengebissen. Beim vierten habe ich die Selbstbeherrschung dann doch verloren und mein umfangreiches arabisches Schimpfwörter-Repetoire ausgepackt. Dies hatte zur Folge, dass die alte „Badefrau“ (die für die Enthaarung angestellt worden war) etwas die Geduld verlor. Entsprechend unsanft war der Rest der Prozedur und ich glaube irgendwann zwischen dem vorletzten und dem letzten Ratsch hab ich dann auch noch angefangen zu Heulen. Wirklich super.

Und die Sinnlosigkeit des Ganzen wird einer armen, wehleidigen Europäerin erst dann richtig klar, wenn sie in der Hochzeitsnacht wieder mal daran erinnert wird, wie unmöglich es ist, einen verklemmten Wüstensohn auch nur dazu zu bringen, im Bett die Augen offen zu lassen. Von einem Blick zwischen die Beine gar nicht erst zu reden.

Danach war Haarentfernung an dieser Stelle erst mal kein Thema mehr. Irgendwann – es muss kurz nach meiner Scheidung von meinem Wüstensohn gewesen sein – wurde ich jedoch vom „Trend“ eingeholt. Als Single auf der Hatz durch das wilde Kasachstan will man sich und seine Intimanatomie nur von der allerbesten Seite präsentieren. Wobei ich ja auch hier der Meinung bin, dass „die allerbeste Seite“ nun aber wirklich nur die ganz gründlich von dichtestem Buschwerk verdeckte Seite sein kann. Der Designer der weiblichen Geschlechtsorgane war ganz definitiv auf harten Drogen, als er sein Werk aus schlabbrigen Hautlappen erschaffen hat.

Mumu-Komplexe hin oder her – weil Trend ist Trend und die Haare mussten ab. Da Epilieren nun ja aber wirklich nicht mehr in Frage kam, versuchte ich mich an der Intimrasur. Klingt einfach, ist es aber nicht. Keine optimale Sicht und  eine super verkrampfte Hand. Man will sich ja nicht in den Lustgarten säbeln.

Nach dem das Blut aufgehört hatte in Strömen zu fliessen, war das Resultat zwar ganz ansehnlich, jedoch nun leider nicht von langer Dauer. Bereits am Tag nach der Rasur setzte ein fieses Dauergepiekse im Schritt ein und quälte mich mit solcher Gründlichkeit, dass ich kaum fassen kann, dass ich dies im weiteren Verlauf meines Lebens auch noch mehrfach in Kauf genommen habe. Inklusive Rasierbrand, der ja nun aber die visuelle Ansehnlichkeit einer Vulva alles andere als positiv beeinflusst.

Über die allergische Reaktion die auf die Verwendung von Enthaarungscreme an jener besonderen Stelle folgte, mag ich gar nicht erst reden. Eigentlich mag ich noch nicht mal dran denken!

Das professionelle und viel gelobte Waxing im Studio ist mit neunzig Stutz pro Sitzung alle drei Wochen einfach nur unverschämt teuer und daher keine Alternative die ich jemals ernsthaft in Betracht gezogen habe. Ausserdem befürchte ich, dass auch eine einheimische Depiladora auf Beschimpfungen auf Arabisch wenig einfühlsam reagieren würde. Und die Vorstellung noch im Waxing-Studio von zwei netten Polizeibeamten zu meinen terroristischen Connections befragt zu werden ist zwar komisch, aber die Sache dann doch irgendwie wieder nicht wert.

Nun, was bleibt? Eigentlich nur das Outing, oder? Na dann…

Ich scheiss auf euren Standard!

Was soll der ganze Mist eigentlich? Muss ich meine Vulva wirklich in einen prä-pubertären Klein-Mädchen Zustand zurück versetzen um sexy zu sein? Ist es nicht längst genug, dass man sich die Beine, die Achseln und am besten auch noch gleich den Hintern und die Arme enthaaren muss?

Mittlerweile sind wir ja schon so weit, dass von Männern auch schon erwartet wird, sich zu entpelzen. Rückenhaare sind ein absolutes No-Go und im Bubi-Mann Zeitalter müssen natürlich auch die Brusthaare weg. Rasierte Beine sind längst nicht mehr den schwulen Zeitgenossen vorbehalten und die blanken Eier werden offenbar auch langsam zur Pflichtübung.

Diese ganze Körperbehaarungs-Phobie ist einfach nur lächerlich!!!

Ich protestiere und weigere mich per sofort, bei diesem Blödsinn weiter als bis an die Grenzen der Schambehaarung zwischen meinen Beinen mitzumachen! Stutzen ja, Entfernen nein. Basta.

Und wer jetzt angewiedert die Nase kräuseln möchte, dem würge ich mit freundlichen Grüssen folgende Textstelle aus dem Wikipedia-Artikel zum Thema Körperbehaarung rein:

„Haare vergrößern nicht nur die Oberfläche des Körpers, sie verstärken auch die Sensibilität der Haut. Es gibt manche Körperstellen, die durch Streicheleinheiten erotisch gereizt werden – man spricht von erogenen Zonen der Haut. Berührt man nun die Haare, wird dieser taktile Reiz wegen der vergrößerten Oberfläche um ein Vielfaches verstärkt. Die Haare leiten die Berührung an die Haut weiter, wo es zu einem Verstärkereffekt kommt.“

Eat this!

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5 Gedanken zu “Wildwuchs vs. Klein-Mädchen-Mumu

  1. Caipi schreibt:

    wie du mir aus der seele sprichst ;P

    erst vor kurzem eine frisch rasierte „verbrannte“ intimzone gesehen und es für „NICHT“ gut befunden

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  2. st schreibt:

    …richtig so! rasieren ist für mich schon viele jahre ein no-go! stutzen ja, enthaaren nein! als mann trägst du es aber im gesicht, was nicht immer gut ankommt…vorallem bei frauen! vielleicht machen es gerade deshalb so viele, wir sind ja gleichberechtigt…! 😉
    …hygiene ist aber auch ein thema, vielleicht eine ausrede? das „saubere“ gefühl, oder haare als träger der ausscheidungen von poren & anderen öffnungen…organic!

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  3. Katsch schreibt:

    Du hast ja so recht!
    Ich habe diese Enthaarungs-Manie auch jahrelang mitgemacht, aber eigentlich immer nur weil er es wollte.
    Ich mache mit! Per sofort wird da unten einfach nicht mehr enthaart. Wenn du willst, meld ich dir in einigen Tage sogar, ob mein Göttergatte jetzt die Scheidung einreicht.
    Auf jeden Fall merci für diesen Text, ich habe mich köstlich amüsiert beim Lesen!
    Grüessli, Katja

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    • Patrizia schreibt:

      ieewh… ich mag’s wenn ich der grund für eine scheidung bin – andernseits ist dein kerl eh zu doof für diese welt ;x

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  4. DoubleDee schreibt:

    Also ich muß dazu sagen, dass ich den trend der rasierten Intimbereiche nicht gut finde! Zu einer erwachsenen Frau gehören dort auch Haare hin! Es macht spaß sie dort zu sehen, sie zu fühlen und beim Sex zu spüren!!

    Also Bitte nicht mehr enthaaren an dieser Stelle…

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