Der klassische Chatroom


Wikipedia sagt: „Chat (von englisch to chat ‚plaudern‘, ‚sich unterhalten‘; auch Online-Chat) bezeichnet die elektronische Kommunikation in Echtzeit, meist über das Internet.“

Um die Frage zu beantworten, ob man in einem Chatroom wirklich einen Partner finden kann, muss ich eine Reise in die Vergangenheit antreten.

Es muss im Frühjar 1998 gewesen sein, als ich auf den Swisstalk gestossen bin, einer der ersten gesamtschweizerischen Chatrooms im WWW. Der Chat existiert immer noch und ist auch nach wie vor gut besucht.

Seit Gründung haben über 150'000 Leute mitgemischt. Auch heute noch sind zu Spitzenzeiten über 200 gleichzeitig aktiv. Da viele User ein Foto eingestellt haben, weiss man dabei auch oft, mit wem man es gerade zu tun hat.

Seit Gründung haben über 150’000 Leute mitgemischt. Auch heute noch sind zu Spitzenzeiten über 200 gleichzeitig aktiv.

Es gibt unzählige Adressen für Chatrooms und das Prinzip ist denkbar einfach: man wählt einen Nicknamen (auch Pseudo, Alias, Avatar u.v.m.) und manchmal kann man sogar ein Foto hochladen und ein kurzes Profil erstellen.

Gesagt, getan. Damals.

Ich gab mir den Namen Calypso und verschönerte mein Profil mit einer von Luis Royo’s schönsten Amazonen. Was an und für sich schon lächerlich war, wenn einem die Tatsache bekannt ist, dass ich mit süssen 21 Jahren abscheuliche 125kg wog und daher keineswegs das Zeug hatte zur Amazone.

Selbstverständlich brachte ich auch die angemessene Portion Verachtung mit fürs Chatten: ist ja auch lächerlich! Und natürlich nur etwas für Freaks. Ich nahm mir also vor, nur mal kurz reinzuschauen, was es da gibt und klickte auf „Einloggen“.

Elf Stunden später fand auch ich den Logout-Knopf und die Einsicht, dass ich mit meinem Vorhaben „nur kurz reinzuschauen“ kläglich versagt hatte.

Aber was soll ich sagen? Es war wunderbar!

In einer Zeit in der man mit privatem Internetanschluss durchaus noch als Freak galt, war die Frauenpräsenz im Internet erschreckend niedrig. So wundert es keinen, dass Chatterinnen sehr gefragt waren. Die männlichen Chatter standen Schlange und ich war die Königin der Nacht.

Immer perfekt: beim Chatten hat man stets genug Zeit perfekt zu sein. Kein hochroter Kopf kann die wahren Gefühle verraten.

Zugegeben, Chat kann und Chatter könnnen auch nerven. So bleibt es oft beim Austausch von Belanglosigkeiten oder es wird einfach nur offensiv nach Sex gefragt.

Ob man sich darauf einlassen will oder wie weit man gehen will, bleibt da natürlich jeder Frau selber überlassen. Man sollte nur dringlichst möglichst bald klären, ob es nun darum geht

  • Text-Sex zu haben, also Cybersex welcher nur schriftlich stattfindet
  • Telefon-Sex zu haben
  • Video-Sex zu haben, das ganze also live vor der Webcam mittels Skype oder ähnlichem Programm zu praktizieren
  • Real-Sex zu haben und das möglichst in den nächsten zwei bis drei Stunden

Ich für meinen Teil habe alles ausprobiert und fand nichts davon interessant genug um es unbedingt wiederholen zu wollen. Manchmal mache ich mir einen Spass daraus, entsprechende Chatter-Exemplare ein bisschen zu ärgern. Und die meisten davon verdienen das sogar.

Und nachdem man im Chat zum x-ten Mal die gleichen langweiligen Fragen beantwortet hat und den x-ten Online-Gigolo doch endlich erfolgreich ignoriert hat, passiert manchmal etwas ganz aussergewöhnliches: Man findet sich in einem aufregenden, spannenden, unterhaltsamen Gespräch mit einem Fremden wieder und fühlt sich ihm ganz nah.

So sehr, dass man sich jeden Abend aufs neue in den Chat einloggt um nach zu sehen ob er vielleicht auch da ist. So sehr, dass man jeden Abend den Vorsatz, diesmal früher ins Bett zu gehen, einfach vergisst.

Die harte Wahrheit

Die harte Wahrheit

Kann man sich im Internet verlieben? Was für ein Frage! Natürlich kann man. Und nach einer gewissen Anzahl bösem Aufwachens in der Realität, lernt man sogar zu erkennen, dass diese Verliebtheit reine Projektion eigener Wünsche und Träume auf eine vermeintlich passende  Oberfläche ist. Aber davon lasse ich mir nicht den Spass verderben.

Ich versuche daher immer, möglichst bald den Realitätscheck zu machen und sich irgendwo im Kaffee zu treffen. Wer wochenlang ein Luftschloss konstruiert ist entsprechend tief enttäuscht, wenn es sich dann auflöst.

Diese Einsicht hat mir eine der verrücktesten Aktionen eingebrockt, von der ich in diesem Zusammenhang berichten kann.

Es war mittlerweile Sommer 1999 geworden und ich hatte über ein Jahr leidenschaftlich meiner Chatsucht gefröhnt. Dort habe ich auch meine liebe Freundin Silly kennengelernt.

Es war also Sommer und wir verbrachten das Wochenende wie immer gemeinsam in meiner Wohnung. Wir tauschten die Neuigkeiten zu unseren letzten Blind Dates aus und hatten natürlich nichts als weitere Nieten gezogen. Wir waren beide übergewichtig und hatten daher selten ein Date, welches sich mehr als einmal mit uns traff.

Wir alberten also rum, dass wir die Kerle ja eigentlich besser seriell und mit System abarbeiten würden.

Einloggen. Anlachen. Treffen. Kaffee trinken. Korb bekommen. Abhaken.

Daraus entstand der Plan, je 50 Blind Dates in 30 Tagen zu vereinbaren. Und wir taten es.

War Mr. Right dabei? Nein, meine Nummer 1 habe ich schlussendlich im Nürnberg City Chat kennengelernt, wo ich mich eigentlich nur eingeloggt hatte um ein paar Insider Infos zu Nürnberg zu bekommen. Dass ich dabei einen freiwilligen Fremdenführer kennenlerne und mich verliebe, war alles andere als beabsichtigt.

Der Blind Date Sommer hat aber trotzdem Spass gemacht. Ich habe viele nette Menschen kennengelernt und verstanden, dass nicht nur ich nervös bin wenn man sich das erste Mal trifft.

Ich habe aufregende Männer getroffen und an mehr als einem Gefallen gefunden. Mit einigen davon habe ich geschlafen oder sie mit mir. Mit einigen sogar mehr als eine Nacht verbracht. Nur lieben wollte mich irgendwie keiner. Bis Nummer 1 im Nürnberg City Chat sein erstes „Hallo“ an mich durch das Netz gesendet hat.

Mein Fazit?

Beim Chatten ist es extrem einfach, auch interessante Männer kennen zu lernen. Aber bevor man einen findet, mit dem sich die Unterhaltung oder gar ein reales Treffen wirklich lohnt, muss man leider oft erst jede Menge unerwünschte Kontakte abarbeiten.

 

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