Es ist ein Irrenhaus


Ab sofort gibt es hier Nachrichten von Drinnen an euch da draussen. Drinnen ist die Klapsmühle, die „Geschlossene“ einer Psychiatrischen Anstalt. Offiziell erhole ich mich hier von meinem „Burnout“.

Burnouts sind praktisch! Ewige Dankbarkeit an den Erfinder dieser bequemen Mode-Diagnose, die wir Spinner nur allzu gerne verwenden, um den Eindruck zu erwecken „einfach ein bisschen zu viel gearbeitet zu haben“.

Und für all jene, die es noch nicht wissen und sich fragen warum ich dann hier im Irrenhaus bin: weil ich es will.

Ich geniesse die Freiheit, denn wo sonst auf der Welt kann man sich ungestraft „verrückt“ benehmen?

Und seit ich sie kennengelernt habe, diese Verrückten und Spinner, sind sie mir ans Herz gewachsen und unter die Haut gegangen. Wenn es mich also zur psychisch Kranken macht, wenn ich mich bei diesen Menschen wohler fühle als bei euch da draussen, dann nehme ich das also gern ich Kauf.

Wer mag, darf mir zulesen – bei den News aus dem Irrenhaus.

Dramatis Personae – Erster Teil

Zecke

Zecke ist die menschliche Variante eines Strassenköters. Zerfleddert, mit schlechten Zähnen und zerlumpten Kleidern. Aber mit einem Hündchen-Blick der so übertrieben geschauspielert ist, dass man in Versuchung gerät, die ganze Vorstellung aus Mitleid noch Mal zu buchen. Zecke ist ein Strassenkind und knappe zwanzig Jahre alt. Er betrügt, er lügt, er wäscht sich nie, er kifft, er klaut, er ist egoistisch und gerade zu grotesk theatralisch.

Ich mag Zecke!

Gut, er zieht mir auch die letzte Zigarette aus der Tasche und nervt manchmal tierisch. Das Wort „Nein“ hat für ihn keinerlei Bedeutung. Und er lässt immer alles liegen, als ob wäre ihm das Konzept von Besitz vollkommen fremd. Er schafft es regelmässig mich zu übertölpeln und mir Gefälligkeiten (mein/en Laptop, iPad benutzen; meinen Kaffee trinken; meine Zigaretten rauchen) abzuringen, die ich eigentlich gar nicht gewähren mag.

Aber genau deswegen ist Zecke gut für mich! Er bringt mir bei, „Nein“ zu sagen.

Es ist wie ein Spiel zwischen uns. Wir üben! Er versucht das Maximum aus mir raus zu quetschen und ich versuche ihm ein Minimum zu geben.

Zecke liegt klar ihn Führung, aber ich arbeite daran.

Die Wetterfee

Ein wunderbares Muster für „Ganz klassisch übergeschnappt“. Wenn sie nicht gerade einen strengen Winter vorhersagt, dann tanzt sie den Moonwalk oder fragt zum vierzigsten Mal (an einem Tag!): „Gäu du chlausch mer nüt?“

Irgendwo in dieser dicken Frau Mitte Vierzig ist noch jemand, ich habe nur noch nicht herausgefunden, wie man sie erreicht. So versichere ich halt weiterhin vierzig Mal am Tag: „Nei nei, i nimme dr nüt!“

Schnucki

Man kann’s nicht anders sagen: Schnucki ist wirklich ein Schnuckelchen. Nicht mal so sehr, wegen seinem Aussehen – obwohl ich sicher bin, dass so ziemlich alle weiblichen Teenager bei seinem Anblick schmachtend zusammenbrechen würden. Aber das was ihn wirklich zum Goldstück macht ist seine Art.

Schnucki redet nicht viel. Aber wenn er etwas sagt, ist es stets etwas freundliches. Er ist die Sanfmut in Person und vielleicht ist es genau das, was ihn an manchen Tagen so leiden lässt, dass er nur noch da sitzt und stundenlang vor sich hinbrütet.

Ich habe mir vorgenommen, Schnucki jeden Tag mindestens einmal zum Lachen oder zumindest zum Lächeln zu bringen. Mal schauen ob er mich lässt.

Die THC-Queen

War bei ihrer Einlieferung dermassen zugeknallt, dass sie noch 24 Stunden später glasige Augen hatte. Wieder ein Kind ohne Eltern, knapp volljährig.

Ich mag sie und ich kann’s ihr irgendwie nicht verübeln, dass sie mit dem Leben nicht wirklich etwas zu tun haben will und sich lieber betäubt. Aber ich glaube auch, dass sie es schaffen könnte. Sie ist ein schlaues Mädchen. Vielleicht wird sie das irgendwann retten. Ich hoffe es für sie, die THC-Queen hat eindeutig das Zeug mehr zu sein als ein weiterer Junkie.

Ende erster Teil

Von den anderen erzähle ich euch beim nächsten Mal. Sofern man mich lässt.

Wenn ich es schaffe mir mal nicht von Zecke meinen Laptop abschwatzen zu lassen oder gerade mit dem Finnen und seinen nicht-existenten Hunden Gassi gehe. Wenn ich gerade mal niemanden vor der Furie beschützen muss und Suicidal Mary nicht aussieht, als ob würde sie ernsthaft in Betracht ziehen, sich mit einem dieser stumpfen Blechmesser die’s in der Stationsküche gibt, die Pulsadern aufzuschlitzen.

Und bevor jetzt wieder alle entsetzt brüllen: Das schafft sie eh nicht. Da stirbt sie beim Raspeln noch eher an Erschöpfung bevor auch nur ein Tropfen Blut fliesst.

Nun, was ich eigentlich sagen wollte: Es ist ein Irrenhaus.

Einige Nachrichten an euch da draussen habe ich aber noch:

@Nummer 5: Falls du hier wirklich immer noch rumschnüffelst, möchte ich dich darauf hinweisen wie super mega ober krank es ist seiner Ex noch Wochen nach der Trennung hinter her zu schnüffeln. Lass verdammt noch mal deine Alkoholpsychose behandeln oder leb sie zumindest irgendwo weit weg von mir aus.

@Moralapostel: Hier wird nur freundlich gespottet oder einfach Klartext geredet. Bei diesem Experiment wird niemand Schaden nehmen, der nicht eh schon einen hat.

@Hobby-Pschikologen: Immer her mit euren Fern-Diagnosen und Therapie-Vorschlägen. Es wird mir ein Vergnügen sein, darauf einzugehen. Ihr könnt mir eure tiefenanalüsierten Rückmeldungen auch per Mail zukommen lassen.

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2 Gedanken zu “Es ist ein Irrenhaus

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