Vom Sinn im Wahn


Die Pritsche

Heute ist offenbar ein guter Tag um überzuschnappen. Vielleicht liegt es daran, dass Zecke nach wie vor die ganze Station auf Trab hält.

Ja, er ist wieder da, aber auch schon wieder irgendwie weg. Die Klinik hatte ihn zu den Suchtis verlegt. Eine Station mit strengen Regeln. Zecke hält sich aber nicht an Regeln. Er hält sich ja nicht mal an Konventionen.

Also ist er rausgeflogen und hat Areal-Verbot bekommen. Und was macht Zecke? Er rennt den halben Morgen auf dem Besucherplatz Kreise und heult Rotz und Wasser.

Es waren die Psychos, die Verhaltensgestörten, die Irren, die Asozialen, die Patienten – wir – die sich bei der Klinikleitung für unsere Nerv-Zecke solange in die Bresche geworfen haben, bis er wieder hier auf unsere Station zurück durfte. Mit Bedingungen. An die Regeln halten und Teilnahme Verpflichtung am Schleichgang („Spaziergang mit Begleitung“) teilzunehmen und nachmittags im Stations-Atelier brav Mandalas zu Malen.

Und Zecke macht seit heute morgens nichts als Stress. Er führt seinen eigenen kleinen Privatkrieg gegen das Pflegepersonal, anstatt jetzt mal halblang zu machen. So ein sturer Bock.

Heute Nachmittag hat er das Stations-Atelier auseinandergenommen. Jetzt liegt er auf der Pritsche. Runtergespritzt und fixiert. Und wir, die ihn mögen, sind enttäuscht und mit der Toleranz auch langsam am Ende.

Ich auf jeden Fall habe genug. Ich mag meine kleine Nervensäge immer noch sehr gerne und genau deswegen werde ich nicht länger zuschauen, wie er sich und alles was gut für ihn wäre kaputt macht.

Fünf gegen Einen. Wir sind jetzt alle gegen Zecke. Wir werden ihm nichts mehr durchgehen lassen. Wir werden sogar Petzen, wenn wir mitbekommen, dass er nach Wegen sucht die Regeln zu brechen.

Wir sind jetzt gegen Zecke. Weil wir für ihn sind.

Wer weiss, ob ein Zusammenhang besteht zwischen unserem Zecken-Stress und der Tatsache, dass heute mal wieder alle Schizos und Substanz-Psychotiker voll am Rad drehen.

Wenn man alle Stimmen, unsichtbaren Freunde, nicht existenten Hunde und einen Egli (ein Süsswasserfisch) zusammenzählt, ist die Station aktuell gerade voller als eine U-Bahn in Tokio zur Hauptverkehrszeit.

Wenn ich hier noch lange abhängen muss, bevor ein Platz für mich auf der Station für die ganz normal depressiven frei wird, schnappe ich bestimmt auch noch über.

Ja, ich mag sie, meine Spinner. Aber ich finde es neuerdings noch nicht mal mehr komisch, wenn ich mit einem im Raucherraum sitzt, der sich mit vier anderen unterhält, die ganz offensichtlich nicht da sind. Es kommt noch schlimmer! Ich rede sogar fleissig mit.

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