Unsichtbare Hunde und andere Psychosen


Ich bin immer noch bei den Psychotikern untergebracht und warte auf meinen Platz bei den ganz normal gestörten.

Die „Geschlossene“ (wortwörtlich: die Eingangstür zur Station ist abgeschlossen und wer raus darf, kann dies nur wenn jemand von der Pflege aufschliesst) war anfangs gar nicht in meinem Sinn. Ich fand es eine Zumutung, dass man mich aus Mangel an Alternativen zu diesen Spinnern steckt. Ich habe eindeutig keine Psychose. Also keine Stimmen, keine eingebildeten Hunde und auch sonst keine Wahnvorstellungen. Wer jetzt denkt, dass das natürlich alle Spinner von sich sagen, hat unrecht und muss sich, wie ich in den letzten zwei Wochen, eines besseren belehren lassen.

Und das war nicht die einzige Lektion, die mir meine Mitpatienten hier auf der Station erteilt haben. Ja, sie mögen jeder auf seine Art vollkommen übergeschnappt sein, aber gleichzeitig sind sie wunderbare und sehr herzliche Menschen und für mich die besten Therapeuten die ich mir vorstellen kann. Viele von ihnen sind mir so sehr ans Herz gewachsen, dass ich es gar nicht mehr so eilig habe mit dem Wechsel auf die offene Station.

Dramatis Personae – Dritter Teil

Der Finne

Ist eigentlich nur ein halber Finne. Seine Mutter ist aus Finnland. Aber er sieht trotzdem irgendwie finnisch aus, der Finne. Er ist der jüngste Patient hier und leidet seit er Kind ist an einer psychotischen Störung. Und wenn seine Wahnvorstellungen kommen, dann weiss er auch, dass er gerade psychotisch ist. Er weiss, dass sein Hund nicht wirklich existiert, was aber nichts daran ändert, dass der Hund für ihn da ist.

Unser kleiner Finne ist eine zarte und herzliche Person. Er geht offen auf alles und jeden zu und das Leiden der Traurigen und Zornigen belastet ihn sehr. Er sucht Harmonie und möchte allen um sich herum Frieden und Liebe geben. Er ist goldig!

Sein Pech ist, dass es oft vollkommen unmöglich ist, dem was er sagt irgendeinen Sinn abzugewinnen. Es sind kleine Einblicke in die furchtbare Unordnung die wohl manchmal in seinem Kopf herrscht. Wenn er dann zu mir kommt, mein junger Freund, um mich davon in Kenntnis zu setzen, dass die Butter weich ist wie Butter und es 967 ist gestern, dann geniesst er meine Zustimmung. Und mal ehrlich, warum sollte es nicht 967 gewesen sein gestern? Mein Freundschafts-Satz für den kleinen Finnen lautet: „Ich verstehe“, auch dann wenn ich zur Hölle keinen Plan habe, was er mir sagen will. Muss ich auch nicht.

Vor einer Woche hat er mir auch einen Hund geschenkt. Der Hund ist gross und hat keine Haare. Der Finne übrigens auch nicht. Die rasiert er ab.

Mein eingebildeter Hund sei stark, sagt er, und werde immer auf mich aufpassen. Gut, offenbar ist der Wauwau nicht ganz so verspielt wie das Hündchen vom Finnen. Das Stöckchen hat meiner nämlich noch nie zurück gebracht. Aber ich sage trotzdem immer wieder gerne ja, wenn mich mein Lieblings-Schizo fragt, ob wir mit den Hunden Gassi gehen.

Ach, wenn der Wahnsinn nur ansteckend wäre! Dann würde ich mir ein Pferd und dem Finnen ein Pony herbeispinnen. Dann könnten wir reiten anstatt gehen!

 

 

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2 Gedanken zu “Unsichtbare Hunde und andere Psychosen

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