Ein Tag im Irrenhaus


Morgens um Sieben noch halb im Schlaf in den Raucherraum getorkelt um die Frühstücks-Zigarette zu rauchen.

Ein Häuflein Elend, welches ich hier noch nie gesehen habe, angetroffen.

Wahrscheinlich weiblich, aber so dürr, dass man es nicht mit Sicherheit sagen kann. Am Rotz und Wasser heulen.

Die Neue mit Kaffee, Zigi und einem freundlichen Lächeln versorgt.

Die Wetterfee aus dem Raucherraum verscheucht. Die hat schlecht geschlafen und hat die allerherrlichste Scheisslaune. Man hat ihr die Neue mit ins Zimmer gelegt und die Wetterfee mault in allerbester Klein-Kinder-Manier rum, dass das Rumgeheule der Neuen ihren Schlaf gestört hat.

Im Garten stehend motzt sie weiter und ich pöble frech zurück.

Die Neue vergisst beim Zuhören glatt zu heulen.

Ich komme beim verbalen Schlagabtausch aus dem Trott weil Zecke irgendwo meinen Namen brüllt. Und schon steht Zeckchen im Raucherraum und fällt mir um den Hals. Er darf wieder frei auf der Station rumrennen und allen gewaltig auf die Nerven gehen. Ich freue mich trotzdem.

Von Zecke’s Jubelgeschrei wird der Finne aus dem Zimmer gelockt und holt Kaffee für uns drei.

Im Gang stolpert „Das Tier“ herum und brüllt die Belegschaft an. Alle staunen. Das Tier sieht man selten. Der hockt eigentlich immer in seinem Zimmer und ist so etwas von ungewaschen, dass ich dafür auch froh und dankbar bin. Rasputin war eine Schönheit im Vergleich zum Tier.

Aber jetzt will das Tier nach Italien und zwar sofort. Die Pfleger scheuchen ihn ins Zimmer zurück.

Hare (Krishna) hört schon wieder in einer Lautstärke seine Tempelmusik.

Es ist ein Irrenhaus und ich will mich mit zehn Minuten Verspätung jetzt doch endlich ins morgentliche Atelier zum Seidenmalen flüchten.

Laufe Matthi fast über den Haufen der gerade auf dem Weg zu mir war um mir zum siebten Mal zu erzählen, dass er jetzt noch eine Hülle braucht für sein neues Tablet. Ach weh… der war auch schon weniger verhühneret. Er sieht irgendwie verloren aus mit seinem neuen Samsung Tablet.

Nehme mir die Zeit, ihm all seine Fragen erneut zu beantworten und kann’s mir grad noch so verkneifen ihm auch noch den offenen Schuh zuzubinden.

Draussen erspäht mich das Ekel von Station Blau und stolpert vor lauter Eile mir aus dem Weg zu gehen ins Blumenbeet. Ich fauche beim Vorbeigehen den Geranien zu in denen sie liegt.

Beim Seidenmalen mache ich wie jeden Morgen zwei Stunden den Laden dicht. Kopfhörer auf die Ohren und nicht mehr stören lassen. Die Freiheit nehm ich mir, auch ganz ohne Kreditkarte.

Auf dem Rückweg zur Station springt mich unser Hippie Mädchen an. Ich mag ihre blauen Haare, ihre Glöckchen und ihre freundliche Art. Sie mag die Band „Him“ und ist total in den Sänger verschossen. Das Hippie Mädchen ist über Sechzig, aber schwärmt wie ein Teenager.

Sie verwechselt mich mit dem Orakel von Delphi und will wissen, ob der angebetete Sänger sie wohl auch liebt. Bin diplomatisch. Sage ihr, dass er sicher würde, wenn er sie nur kennen würde.

Die mittägliche Essens-Tausch-Aktion treibt heute ganz besonders schöne Blüten. Bratwurst gegen Salat. Dessert gegen Bratwurst. Die Wetterfee versucht doch tatsächlich mir mein Essen abzuschwatzen. Ich weigere mich statthaft meine Bratwurst herzugeben. René bietet der Wetterfee die Hälfte von seiner Bratwurst an. Die will sie aber nicht haben. Ihr entsetzter Blick lässt vermuten, dass sie mal wieder etwas gründlich missverstanden hat.

Der Finne wirft sich fast unter den Tisch vor Lachen, was mindestens drei Patienten dazu bringt sich einzubilden, er lache über sie. Sie flüchten aus dem Speiseraum. Nur die Wetterfee hockt immer noch da und fragt jeden oder keinen: „Gäu du chlausch mer nüt.“

Zecke verteilt sein Essen quer über den Tisch beim Mampfen. Er verschlingt seine Portion und geiert jetzt auch auf meine Bratwurst.

Herrgott nochmal. Bin kurz davor die blöde Wurst in die Luft zu werfen um zuzuschauen wie sich Zecke und die Wetterfee gleichzeitig draufstürzen. Das wäre sicher ein klasse Spektakel.

Lasse es bleiben und verziehe mich mit meinem Teller stattdessen in mein Zimmer. Hebe mir die Mahlzeit für später auf und leg mich stattdessen aufs Bett.

Eine halbe Stunde Ruhe wär’s jetzt.

Direkt neben meiner Zimmertür hängt einer am dort angebrachten Münztelefon und beklagt sich lauthals darüber, dass man ihn hier versehentlich zu den Irren gesteckt hat. Ich will eigentlich gar nichts hören, bekomme aber trotzdem mit, dass er seine Goldfische in einem Tupperware auf dem Balkon aufbewahrt. Wage es zu Bezweifeln, dass man die noch füttern muss.

Um 13h ist Stations-Versammlung. Na klasse.

Wir werden mit Pflegerinnen und dem Stationsarzt im Speisesaal eingeschlossen während Herr W. von der Pflege dem Tier hinterher hetzt. Das will immer noch nach Italien und spuckt die Worte jedem ins Gesicht der ihm über den Weg läuft.

Bei der Stationsversammlung verheddern sich Matthi und die Wetterfee in ein weiteres Nonsens-Gespräch. Der Finne kann sich das Lachen immer noch nicht verkneifen und wird vom Oberarzt rausgeschickt. Mein Lieblings-Schizo lacht Tränen und offenbar begreift mal wieder keiner ausser mir, was so lustig ist.

Ja Herr Oberarzt oberschlau: Vor zehn Minuten hast du die Türen zum Speisesaal wegen dem freilaufenden Tier mit Schlüssel abschliessen lassen.

Ich würde dem Finnen ja gerne hilfreich zur Seite stehen, beim Draufbeharren, dass er wirklich nicht raus kann, aber wenn ich jetzt aufhöre auf meiner Unterlippe rumzukauen, werde ich entweder anfangen zu Schreien oder ebenfalls in hysterisches Gelächter ausbrechen.

Zum Glück hat Herr W. das Tier mittlerweile zurück ins Zimmer gescheucht und schliesst grad die Türen wieder auf. Der Finne geht, immer noch lachend und die Neue heult schon wieder und geht gleich mit.

Neben mir lässt Suicidal Mary einen ihrer berüchtigten Seufzer hören, der sagt: möge mich jemand vom Leiden des Lebens erlösen.

Sorry Mary… über zehn Mal verkackt beim Selbstmord heisst Ticket für ein wirklich langes Leben gezogen. Du Schätzchen musst noch mindestens achtzig Jahre durch die Welt seufzen.

Sag ich ihr nicht. Ich würde aber gerne. Sie nervt mich mit ihrer Todessehnsucht. Drama-Queen!

Bin heilfroh, als die Ämtli alle verteilt sind und die Stations-Versammlung aufgelöst wird.

Fange an mich ernsthaft zu fragen, ob das Personal gestern Abend die Pillen irgendwie vertauscht hat.

Als die Wetterfee sich ausgerechnet mich aussucht um ihre Sorgen zu erzählen, bin ich fast sicher, dass irgendetwas gewaltig schief gelaufen ist. Die Wetterfee ist ganz handzahm und freundlich. Sie lässt sich sogar trösten und verspricht mir, die Neue ein bisschen in Ruhe zu lassen und sich mit schnippischen Bemerkungen etwas zurückzuhalten. Sie lächelt so gar ein bisschen und bedankt sich bei mir.

Jetzt bin ich überzeugt, dass auch ich die falschen Pillen bekommen und gerade die ersten Wahnvorstellungen habe.

Jaja, es ist ein Irrenhaus, aber sind denn hier heute alle total übergeschnappt?!

Von meinem Bänkli am Baum im Garten sehe ich, wie der Finne, Zecke, Matthi und Suicidal Mary aus drei verschiedenen Richtungen Kurs auf mich eingeschlagen haben.

Aaaargh! Ertrage grad nicht noch mehr wirres Zeug und wähle den Weg des geringsten Widerstands: Suicidal Mary! Die wird – ganz egal was sie von mir will – so leise und gequält hinaus piepsen, dass ich sie mit etwas Schwung problemlos überhören kann.

So ist es auch und hurra! Die Haustür zur Station ist nicht abgeschlossen. Will mich wie es die Regeln verlangen bei der Pflege abmelden bevor ich rausgehe. Aber meine bekloppten Freunde haben Witterung aufgenommen und sind unterwegs um mich noch vor dem Ausgang abzufangen. Also raus ohne Abmelden.

Draussen danke ich einem nicht existenten Gott dafür, dass die alle nicht raus dürfen heute.

Und da ich jetzt eh schon die erste Regel gebrochen habe, breche ich gleich noch ein paar weitere indem ich das Klinik-Gelände für einen erholsamen Spaziergang durch den Wald verlasse.

Unterwegs bekomme ich drei Skype-Nachrichten von Matthi und Zecke probiert zwei Mal mich anzurufen. Scheiss drauf.

Ich geniesse die Freiheit der Nähe zur Anstalt und mache im Wald ein bisschen Urschrei-Therapie. Die Bäume bleiben sichtlich unbeeindruckt, aber das eine oder andere Eichhörnchen habe ich jetzt sicher um den Schlaf gebracht.

Nach einer Stunde bin ich zurück auf dem Klinik-Areal und tigere noch ein bisschen durch die Gärten bis es Zeit wird fürs Abendessen.

Zurück auf der Station begegne ich als erstes zwei Polizisten die einen weiteren Drogen-Zombie mit Wahnvorstellungen ablieferen. Der sabbert den Eingangsbereich voll aber schreit zumindest nicht rum.

Dafür Zecke. Der hat mich natürlich schon wieder entdeckt und ruft mal wieder meinen Namen quer durch das Haus. Na super! Verdrehe meine Augen. Danke mein Zeckchen, dass du innerhalb von zehn Sekunden nach meiner Rückkehr sämtliche Spinner darüber informierst, dass ich wieder da bin.

Und schon geht’s los:
„Chani ä Zigi ha?“, „Hesch mer Füür?“, „Liebi Patrizia, würdsch mer net schnäu go nä Fläsche Cola choufe?“, „Ig muäss sofort mit dir redä, äs isch öppis ganz schlimms passiert!“, „Darfi z’iPad bruchä?“, „Diä hett zuä mer Schlampe gseit!“, „Äs isch ä Bär im Garte!“, „Gisch mer jetz no dini Nummere?“ ….

Im Garten lasse ich mich auf den ersten freien Stuhl plumpsen und werde von Simu angeschnautzt, dass da schon einer sitzt. Ich fauche zurück: „Ja, ich!“, worauf der Kleine ein so erschrockenes Gesicht zieht, dass ich tatsächlich den Stuhl für einen seiner eingebildeten Freunde frei mache und Simu eine Zigi anbiete. Nur ihm, seine eingebildeten Gesprächspartner sind Nichtraucher.

Beim Abendessen herrscht relative Ruhe. Nur Zecke will unbedingt mein MacBook benutzen um Musik auf seinen – äh sorry, meinen – MP3-Player den er seit Tagen benutzt, runterzuladen.

Natürlich bekommt er wie üblich was er will. Widerstand ist zwecklos. Ausserdem gebe ich freimütig zu: ich freue mich, wenn er seine kleinen Freudenhopser macht und dazu „danke, danke, danke liebe Patrizia“ leiert.

Fein, ich weiss jetzt schon das mich ein harter Kampf erwartet, bevor ich meinen Laptop wieder habe, aber darin habe ich ja mittlerweile schon etwas Übung.

Es ist ruhig geworden, wie jeden Abend.

Das Hippie-Mädchen sitzt mit meinem iPad im Garten und schaut „Him“-Videos auf Youtube. Matthi sitzt bei ihr und zockt, ebenfalls am Tablet.

War grad eine Rauchen draussen. Fragt mich das Hippie-Mädchen ob ich denn nicht wisse, dass Matthi in mich verliebt sei. Awwh! Ja, das weiss ich doch und ich find’s wirklich herzallerliebst. Aber der Mann bekommt eine Panik-Attacke wenn man ihn ins Sonnenlicht stellt und ist teils so durcheinander, dass er seine Zimmertür nicht findet.

Dem Hippie-Mädchen sage ich, dass ich Matthi auch sehr mag und mich sehr geehrt fühle, aber mein Herz für einen anderen schlage. Eine glatte Lüge, aber immerhin eine elegante Lösung.

Dachte ich.

Auf dem Rückweg ins Zimmer bin ich am Inder vorbeigekommen, der mir etwas zurückhaltender aber nichts desto Trotz den Hof macht.

Während ich noch so überlege ob ich beim Hippie-Mädchen einen Fehler gemacht habe, weil „ein anderer“ ja durchaus Raum für Spekulationen lässt, ruft Hare (Krishna) meinen Namen und wirft mir einen Luftkuss zu.

ARGH!

Nehme mir vor, morgen bei der Pflege nochmal ein bisschen Dampf zu machen wegen meinem Wechsel auf die offene Station.

Ich liebe sie alle, ganz platonisch, aber an Tagen wie heute hätte ich verdammt gerne eine abschliessbare Tür zu meinem Zimmer.

Heute war sogar fürs Irrenhaus ein wirklich irrer Tag.

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