Die von der Offenen sind auch nicht ganz dicht


Mein Wechsel von der geschlossenen Akut-Station auf eine offene Abteilung ist mittlerweile eine Woche her. Meiner psychischen Gesundheit hat die neue Station ganz schrecklich gut getan. Man könnte semi-quasi von einer Blitzheilung sprechen. Ich plane bereits intensivst meine Rückkehr ins richtige Leben.

Was soll ich schon sagen? Ich hasse es!

Nochmal kurz zur Info für Leute aus einer anderen Welt:

Eine Geschlossene Abteilung ist ein Bereich einer Psychiatrischen Klinik, in der Patienten untergebracht sind, die per Gesetz oder richterlichen Beschluss dort für eine – meist bestimmte – Zeit zu bleiben haben oder Patienten die akut selbst- oder fremdgefährdend sind. Der Bereich ist dadurch gekennzeichnet, dass der Zugang nur über Schliesstüren, die ausschließlich vom Personal zu öffnen sind, möglich ist. Gemeint ist dabei keine absolute Sicherungsverwahrung ohne jede Fluchtmöglichkeit, sondern nur ein abgeschlossener bzw. kontrollierter Bereich.

Da ich als Notfall in die Klinik eingetreten bin und sonst nirgendwo kurzfristig Platz war, hatte ich das grosse Glück, auf einer geschlossenen Station für Psychotiker (Menschen mit Wahnvorstellung hervorgerufen beispielsweise durch Substanzmissbrauch oder Drogen) untergebracht zu werden. Und ich fühlte mich sofort aufgenommen, umsorgt, ja sogar geborgen. Ich habe mich schnell mit den meisten Mitpatienten angefreundet und genoss als einzige Depressive ohne Suizidgefährdung inmitten der ganzen Durchgeknallten auch beim Stationspersonal einen Sonderstatus.

Ich hatte ein hübsches kleines Einzelzimmer in dem das Fenster nicht abgeschlossen war. Ich konnte zu jeder Tages- und Nachtzeit rein und raus spazieren und musste im schlimmsten Fall nur jemanden vom Pflegepersonal bitten mir die Haustüre aufzuschliessen. Ich habe mein Essen dann gegessen, wenn mir danach war und das erst noch an jedem beliebigen Ort. Ich hatte Kaffee mit Koffein und einen Liegestuhl im – zugegebenermassen von einer hohen Mauer umschlossenen – Garten.

Mein Tagesprogramm habe ich mir selbst zusammengestellt. So tun als ob könnt ich malen im Atelier. Spazieren mit Schizos und unsichtbaren Hunden. Im Garten den Grill anwerfen und ein spontanes Barbecue veranstalten. Im Nachthemd durch die Gänge rennen. Geraucht habe ich meine Zigi auch schon mal im Zimmer (der böse Rauchmelder lässt sich austricksen). Besuch habe ich empfangen wann und wo ich wollte. Die Medis wurden einem auch mal bis ins Zimmer nachgetragen, wenn man vergessen hatte, sie im Pflegebüro abzuholen. Alles kein Problem.

Die "Offene" Station - Ein paar Müsterli der neuen Freiheit

Die „Offene“ Station – Ein paar Müsterli der neuen Freiheit

Tja. So war das. Aber ich wollte ja unbedingt auf die Offene Abteilung wechseln.

Und lande natürlich ausgerechnet auf einer Station in der ein knapp zwanziger Jähriger Militärdienst-Verweigerer der via Zivi in den Pflegeberuf gefunden hat, seine Boot Camp Fantasien auslebt.

Strafgefangene Patrizia M. meldet sich zum Dienst.

Und da ich eine wirklich miese Soldatin bin, melde ich mich seit einer Woche selbstverfreilich nicht ab wenn ich die Station verlasse um spazieren zu gehen. Ich melde mich auch nicht zurück, wenn ich wieder im Haus bin. Ich hole meine Medis konsequent entweder zu früh oder zu spät und nehme kein Glas Wasser mit. Ich benutze den Lift um vom Vierten in den Dritten Stock zu kommen und gehe vom Dritten bis ins Erdgeschoss zu Fuss. Ich trete vor anstatt zurück und habe mir extra Pflegematerial besorgt, welches ich in der Dusche stehen lassen kann. Das Fahrrad bekomme ich garantiert auch noch irgendwie in den Gang rein und ich muss regelmässig draussen klingeln weil der Schliessdienst mal wieder pünktlicher war als ich. Und das Pflegepersonal informiere ich schon gar nicht. Weder über unbekannte Personen noch über irgendwas anderes.

Ich gehe noch lieber als vorher in die morgentliche Werkstatt zum Seidenmalen und habe mir auch noch gleich zwei Nachmittage Kunscht-Therapie (der Rächtschräibefähler ist auch an dieser Stelle durchaus Absicht), zwei mal pro Woche eine Stunden Walking, drei mal eine Dreiviertelstunde Kraftraum und eine Stunde Musiktherapie organisiert.

Nicht das der ganze Mist irgendwas bringen würde, aber jede Minute die ich nicht auf Captain Dumpfbackes Station verbringen muss, ist eine Wohltat.

Mit einem Psychologen oder Psychiater habe ich nach vier Wochen immer noch nicht geredet (es gibt da offenbar auch auf der offenen Station, ein paar kleinere organisatorische Probleme). Darum habe ich beschlossen, dass es bald mal Zeit wird nach Hause zurück zu gehen.

Entweder das oder…

ich lade mal meine ganzen Schizo-Freunde von der Geschlossenen zu einer Hausparty auf die neue Station ein! So verlockend!

Harry würde das Glas zur Mediausgabe zwar mitbringen, aber die Flasche Salatsauce gleich dazu.

Zecke würde ganz gemütlich im Aufenthaltsraum seine Joints rauchen.

Suicidal Mary würde vorm Aquarium stehen und darüber nachdenken, ob man sich darin evtl. ersäufen könnte.

Der Finne würde mit seinen nicht-existenten Hunden durch die Gänge rocken.

Das Hippie-Mädchen würde alle Verbotsschilder mit HIM-Poster und Blümchen bekleben.

Die Wetter-Fee würde nicht nur im dritten sondern auch in jedem anderen Stock fragen: „Gäu du chlausch mer nüt?“

Mogli würde im Amphi-Rausch die nachts mit Schlüssel verschlossene Haustür in Hobelspäne verarbeiten.

Der Inder würde die Liftanlage so umprogrammieren, dass die Aufzugkabine auf alle Ewigkeit im dritten Stock stecken bleibt.

Das Tier würde dem Chief nicht nur Worte sondern auch so viele Bakterien ins Gesicht spucken, dass der Wasserhahn ab dem keiner trinken darf, per sofort als sterile Zone durchgehen kann.

Und ich würde gemütlich auf einem bequemen Sessel mit zentraler Lage Platz nehmen und meinen Spass an dem Affenzirkus haben. Wenn alles vorbei ist, darf Captain Dumpfbacke auch gerne mein Valium haben um das Fiasko zu verarbeiten. Aber nur wenn er sein eigenes Glas mitbringt!

 

 

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