Nummer 0 und warum nett nicht immer richtig ist.


Mein linker Zeigefinger ist immer noch geschient und wird es wohl auch noch eine Weile bleiben.

All jene die in meinem neuen Freund Mephisto schon den Schuldigen vermutet haben: ihr liegt falsch! Mein Labrador-Welpe ist zwar hin und wieder etwas stürmisch, aber ausser ein paar Kratzer sind dabei keine Verletzungen zurück geblieben.

Um die Sache mit meinem Finger zu erklären, müssen wir weit zurück reisen in der Zeit. Also einstiegen und auf nach 1995, wo ich mit knappen 18 Jahren meinen ersten Partner kennengelernt habe.Nicht etwa im Internet, das gab’s damals noch gar nicht so richtig, sondern im fernen Tunesien.

Wie ich in diesem Land, fernab jedes Touristenortes gelandet bin, ist ein anderes Abenteuer und tut nichts zur Sache mit dem kaputten Finger. Bleiben wie also beim Wesentlichen: dort habe ich ihn kennengelernt meinen Wüstensohn und ein knappes dreiviertel Jahr später haben wir geheiratet.

Und wer jetzt an erschlichene Aufenthaltsbewilligungen für die Schweiz denkt, liegt falsch. Es war eine Liebesheirat und sein Herz schlug eine kurze Zeit genau so für mich, wie meines für ihn.

Freilich war es eine naive Liebe, wie das eben ist, wenn man so jung ist. Und die unterschiedlichen Kulturen waren nur halb so tragisch wie die unterschiedlichen Sprachen. Jedenfalls wärte das Glück nicht lange, nachdem wir gemeinsam in der Schweiz eine Wohnung im selben Mehrfamilienhaus in dem ich aufgewachsen war, bezogen hatten.

Meine Mutti indessen fand es natürlich ganz toll, meinen Afrika-Import zu bemuttern und zu verwöhnen. Liess sich der doch das Geglucke im Gegensatz zu ihren eigenen – gerade flügge gewordenen – Kindern gern gefallen.

Ist ja auch irgendwie schön, wenn Mutti ihren Schwiegersohn gerne mag, oder?

Etwas bizzar wurde die schwiegermütterliche Liebe, als mein Wüstensohn nach ungefähr zwei Jahren gestand, dass er sich in eine – in der Schweiz lebende – Marrokanerin verliebt hat und diese auch gleich auf ein – bis auf unbestimmte Zeit – verlängertes Wochenende mit zu uns nach Hause gebracht hat.

Ja! Ich bin und war schon immer ein netter Mensch und wer wäre ich denn gewesen, wenn ich dem neuen Liebesglück im Weg gestanden wäre?

Ach ja, die Ehefrau. Aber eben eine, die umgehend beschloss, die etwas unangenehme Situation mit Würde zu meistern.

Ist ja auch nicht das Ende des Lebens. Also brav meinem Verständnis Ausdruck verliehen (ja die beiden passen ja auch viel besser zusammen) und ihnen für die gemeinsame Zukunft alles Gute gewünscht. Gemeinsam Tee getrunken und mich freundlich erkundigt, wann die frisch Verliebten gedenken aus meiner Wohnung ausziehen.

Man hat sich zivilisiert darauf geeignigt, dass solche organisatorische Fragen auch am nächsten Tag erläutert werden können und hat sich dann in die neu verteilten Zimmer zurückgezogen. Ich ins Gästezimmer um doch noch ein bisschen zu Heulen und das Pärchen ins Schlafzimmer um seine erste Nacht ohne Heimlichkeiten zu verbringen.

Tags darauf folgte die eigentliche Katastrophe in Person meiner Mutter, die mir erklärte, dass die beiden armen Ausländer ja in der Schweiz so allein nicht klar kommen und dass sie ja nicht in ihr Heimatland zurück können weil … äh ja, warum eigentlich nicht? Wahrscheinlich wegen dem Arabischen Frühling welcher im Jahr 2010 Unruhe in die nordafrikanischen Länder bringen wird.

Oder so.

Nun, wie auch immer. Auf jeden Fall bin ich dann mit einer Tasche Kleider und einer Matraze in ein neues Leben gestartet. Die restliche Wohnungseinrichtung habe ich zurückgelassen. Schliesslich kann man zwei arme, der Sprache nicht mächtige Ausländer nicht nötigen zu IKEA zu fahren und sich gefälligst eigene Möbel zu kaufen.

Zugegeben, in den kommenden Jahren war mein Verhältnis zu meiner Herkunftsfamilie etwas zwiegespalten. Ausser regelmässige Anrufe meiner Mutter die sich darüber beklagt, wie respektlos sie von ihren zwei nordafrikanischen Wahlkindern oft behandelt wird, hatte ich kaum Kontakt.

Habe wohl am Rande mitbekommen, dass die beiden irgendwann geheiratet haben. Damit es auch Platz hat für die geplanten Kinder, hat meine Mutti den beiden neben Auto, Essen und diversen weiteren kleinen Geschenken auch noch ein Haus gekauft.

2005 war’s dann endlich so weit und Amir kam auf die Welt. Ich wurde postwendend angefragt ob ich Gotti sein möchte und fühlte mich zugegeben auch durchaus geschmeichelt durch den angebotenen Patentanten-Job. Ausserdem dachte ich mir, dass das arme Kind in dem Irrenhaus in das es hineingeboren wird, ganz sicher irgendwann wenigstens einen, halbwegs normalen Freund brauchen wird.

Also habe ich zugesagt und ich habe es nicht bereut. Mein Gottibueb ist mir in den letzten Jahren sehr ans Herz gewachsen und auch seine drei Jahre jüngere Schwester mag ich sehr.

Die beiden Kinder sagen zu meiner Mutter „Mami“ und wachsen auch ziemlich genau so auf, wie ich gross geworden bin: im Wechselbad zwischen Verwöhnung und Abwertung.

Sie kennen keine Regeln, aber wenn sie sie brechen, werden sie angeschrien und abgekanzelt. In der restlichen Zeit werden sie Zeugen von den täglichen wüsten Streitereien der drei Erwachsenen im Haushalt oder werden einfach ignoriert. Die beiden Mütter spielen die Kinder gegen die jeweils andere aus und keiner davon scheint auch nur im Mindesten bewusst zu sein, wie sehr die Kinder darunter leiden.

Verbale und emotionale Misshandlung ist ja auch, neben körperlicher und sexueller Misshandlung, in der Schweiz kaum ein Thema.

Jeder weiss, dass Worte manchmal weh tun, aber kaum einer will anerkennen, dass verbale Misshandlung eine Seele ganz gründlich töten kann.

Ich leide bis heute ganz persönlich an den Folgen dieser Form der Misshandlung in meiner Kindheit und daher ist es auch eines der Themen die mich zeitlebens beschäftigt haben. Da ich auch – klassisch Opfer – in meinen Beziehungen das giftige Szenario mehr als einmal erlebt habe, habe ich der verbalen Misshandlung sogar eine eigene Website gewidmet:

Reality2-Netzwerk

Auf der Website geht es zwar hauptsächlich um verbale Misshandlung in Paarbeziehungen, es stehen jedoch auch viele allgemeine Infos zu Verfügung.

Das Kernproblem an dieser Art der Misshandlung ist, dass keine Spuren zurückbleiben. Schläge verursachen blaue Flecken, Worte nur seelische Qualen. So lässt sich oft erst an den Spätfolgen bei den Betroffenen feststellen, was sie durchmachen mussten.

Ich habe neun Jahre lang versucht, mit meiner Mutter, meinem Ex-Mann und der leiblichen Mutter der beiden Kinder über das Problem zu reden. Ich habe meine Mutter schon angefleht, sie möge doch bitte eine Therapie machen. Alles umsonst.

Im letzten Jahr habe ich mich darauf beschränkt, die Kinder zumindest einmal pro Woche aus dem Irrenhaus in dem sie aufwachsen rauszuholen und mit ihnen mal ein paar Stunden zu verbringen, in denen keiner droht und schimpft und rumschreit.

Aber weh getan hat’s halt trotzdem.

Jedes Mal wenn ich mitbekommen habe, wie man sie abwertet, ignoriert, verwöhnt, verhöhnt. Jedes Mal wenn mich mein Gottibueb angerufen hat oder weinend vor meiner Haustür stand und mich gefragt hat: „Werum müessä diä eigentlech immär immär schtritä?“

Ich habe keine Antwort und schon gar keine Lösung.

Aber ich hatte es endgültig satt einfach nur Zeugin zu sein. Ich hatte es satt, ein Feigling zu sein. Ich hatte es satt, alles einzustecken und dabei auch noch zu lächeln und freundlich zu sein.

Also habe ich beschlossen, ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen zu tun, was richtig ist. Zu tun was ich richtig finde.

Ich habe also das Irrenhaus und seine Bewohner besucht und den drei Erwachsenen klipp und klar gesagt, welche Regeln per sofort gelten. Das war kein Vorschlag zur Diskussion. Entweder sie bekommen ihr „Familienleben“ so in den Griff, dass man es kindgerecht nennen kann oder ich zeige sie an.

Und dann hat mir die Frau meines Ex-Mannes einen riesengrossen Gefallen getan: Sie ist vollkommen ausgerastet und wie eine Furie auf mich losgegangen.

Mit Worten, mit Händen, Fäusten und ich glaube sie hat sogar nach mir getreten.

Zehn Minuten später war die Polizei im Haus und die Lawine ins Rollen gebracht die sich nicht mehr aufhalten lässt.

Anzeige beim „Amt für Kinds- und Erwachsenenschutz“ durch Vater Staat. Anzeige wegen Körperverletzung durch mich. Und endlich war das Schweigen gebrochen.

Ich traue dem System nicht und kann daher nur hoffen, dass jetzt für die Kinder zumindest bald so einiges besser wird.

Beschützen kann ich sie nicht mehr. Ich war nicht mal mehr in der Nähe ihres Elternhauses seither.

Die Furie war einmal hier. Nicht etwa weil sie sich entschuldigen wollte, sondern weil sie mich zwingen wollte, beide Anzeigen zurückzuziehen.

Was ich nicht tun werde.

Meine Mutter tut was sie in so Situationen immer tut: sie heult und versucht mit allen Mitteln zu erreichen, dass doch alle wieder lieb sind zueinander.

Ich werde nicht mehr lieb sein.

Seither kursieren im Dorf jeden Tag wildere Geschichten über mich und ich hab schlicht nicht den Nerv, das blöde Mobbing-Spiel mitzuspielen.

Also was bleibt?

Ich zieh um.

Mal wieder.

Mit einer Matraze und einer Tasche voll Kleider an einen Ort, der kein Zuhause ist.

Aber ich habe keine Angst und keine Reue.

Ich bin nicht allein. Ich habe Mephisto.

Und Amir und seine kleine Schwester wissen jetzt zumindest eines: auch sie sind nicht allein und es gibt da draussen Menschen die sagen: „Nein, wie man dich behandelt ist nicht in Ordnung. Egal was du angeblich falsch gemacht hast, niemand darf dich beschimpfen, anschreien oder gar schlagen. Gewalt ist falsch, ganz egal in welcher Form und aus welchem Grund.“

Hab euch lieb meine beiden Süssen! Und wenn ich nicht Atheistin wär, würde ich täglich beten, dass für euch beide alles besser wird. Wir sehen uns wieder.

 

 

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