Hitzewellen, Depressionen und Kopfweh vom Busfahren


Da bin ich wieder. Reicher um eine depressive Episode und die Erfahrung, in einem Krankenwagen mitzufahren.

Es ist schon fast zynisch, dass mich meine Depressionen neuerdings im Sommer anstatt im Winter lahmlegen, aber wie schon im letzten Jahr ging auch diesen Juli und August einfach gar nichts mehr.

Ich habe solange auf den Sommer gewartet und kaum war er da, erschlägt er uns mit Temperaturen über 36° Celsius. Franz und Michi, meine ehemaligen WG-Genossen haben sich Anfang Juli in die Badeferien nach Frankreich verkrümmelt, während ich allein in der neuen Wohnung ein möglichst grosses Loch gesucht habe, in das ich fallen könnte.

Natürlich habe ich eines gefunden und so habe ich bis in die erste August-Woche dem Abwärts gefrönt: erst war der Appetit weg, dann die Motivation, dicht gefolgt vom Selbstwertgefühl. Als meine Krankheit anfing mir als Wiedergutmachung ein Action-Programm an möglichen Selbsttötungs-Szenarien vorzuspinnen, habe ich mich dann doch mal zur neuen Hausärztin geschleppt. Zum Glück habe ich offenbar beim Einrichten am neuen Wohnort eine gute Hand bewiesen und eine kompetente Ärztin ausgewählt.

Ich liess mich überreden, mich stationär behandeln zu lassen, erbat mir jedoch ein Wochenende Zeit um meinen Hund ins Tierheim zu bringen zwecks Aufbewahrung während meiner Abwesenheit. Die bevorstehende Trennung von Mephisto hat mir dann allerdings den Rest gegeben. Meinen heissgeliebten Hund an einen fremden Ort zu fremden Menschen bringen? Awh…

Am Abend zog ich mit Mephisto los um in unserem Lieblingsrestaurant noch einen Kaffee zu trinken. Der Kaffee wäre dann wohl auch so ziemlich das einzige gewesen, was ich an dem Tag getrunken hätte. Kurzum: 35° Celsius Umgebungstemperatur plus den ganzen Tag Heulen und nix trinken = keine wirklich gute Idee.

Im Bus bin ich umgekippt und habe es beim Kollabieren tatsächlich geschafft, einmal mit dem Hals und zwei Mal mit dem Kopf gegen eine Stange zu knallen. Und das war das verdammt beste was mir an dem Tag passieren konnte.

Plötzlich waren da, wo vorher „nur Leute“ waren, Menschen. Hilfsbereite, freundliche Menschen.

Angefangen bei den Ersthelfern, an deren Gesichter ich mich nicht erinnern kann, da ich zu weggetreten war. Wohl aber an ihre Stimmen, die mir durch den Nebel meines Zusammenbruchs gut zuredeten. Weiter zu einer Dame, die sich liebevoll um meinen Mephisto gekümmert hat, während ich am Boden so vor mich hingeblutet habe. Dann die Rettungssanitäter, die ihren Job genau so umfassend gemacht haben, wie man es sich wünscht. Mich hat tief beeindruckt, wie viel Ruhe die Profis ausgestrahlt haben. Und nicht zuletzt die Polizei, von der ich an und für sich nie eine besonders gute Meinung hatte. Ich fand es cool, dass der Polizist es offenbar cool fand, dass er meinen Mephisto jetzt ins Tierheim fahren darf („So jung und schon das erste Mal Polizei-Auto fahren!“).

Mein „UMfall“ war eine so herzerwärmend gute Erfahrung, dass ich es tatsächlich in Betracht ziehe, künftig öfter Mal im öffentlichen Raum umzukippen um ein wenig Menschlichkeit zu erfahren.

Fein, die Gehirnerschütterung und die gequetschte Kehle waren dann eher kein Genuss. Aber immerhin war das Thema „Psychiatrische Klinik“ vom Tisch, da ich ja nun eh schon stationär lag. Zum Glück nur wenige Tage.

Mephisto hat die Zeit im Tierheim auch gut überstanden und die Freude als ich ihn wieder abgeholt habe war so gross, dass für mich auf der Stelle fest stand, dass ich meinem Hund garantiert nicht freiwillig eine mehrwöchige Trennung zumuten werde, in dem ich meine Depressionen stationär behandeln lasse.

Also habe ich angefangen mich mal wieder rauszukämpfen. Über den Hausarzt habe ich die Medikation anpassen lassen und mir Temesta auf Reserve besorgt. Ich habe mir einen Platz in einer Therapie-Gruppe organisiert. Mit einer Case-Management-Stelle feile ich an meinem Zukunftsentwurf. Und seit zwei Wochen besucht mich einmal wöchentlich eine psychosoziale Spitex zu Hause.

Im Spital wurden ausserdem meine Blutwerte mal wieder geprüft und ein Zinkmangel wurde festgestellt. Und was sagt Google, was die Symptome von Zinkmangel sind? Müdigkeit, Antriebsmangel, abnehmende körperliche Leistungsfähigkeit, Konzentrationsschwäche, Stimmungslabilität, chronische Erschöpfungszustände und Depressionen. Und das sind nur die mentalen Symptome. Nicht weiter erstaunlich, dass ich bei den körperlichen Symptomen ebenfalls eine Trefferquote von 90% habe.

Seit zwei Wochen nehme ich die doppelte Dosis Antidepressiva – 120mg Cymbalta täglich – und Zink. Und siehe da: Seit einer Woche geht es mir das erste Mal diesen Sommer richtig gut.

Das ist die Crux mit Depressionen: Man hat jedes Mal wieder das Gefühl, dass man dafür verantwortlich ist. Dass man die depressive Episode selbst verursacht hat. Durch falsches Verhalten, durch falsches Denken, durch falsches Empfinden. Keiner würde auf die Idee kommen, einem Autisten zu unterstellen, er verursache seine Probleme selber. Aber bei Depressionen schwingt irgendwie immer dieser Hauch von „selber schuld“ mit.

Sogar bei mir und das obwohl ich weiss, dass ich wirklich nichts dafür kann, fühle ich mich jedes Mal erneut schuldig. Schuldig daran, dass es mir schlecht geht.

Depressionen sind eine richtig fiese Erkrankung und ich bin heilfroh, dass ich den Mist bis auf weiteres mal wieder los bin.

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3 Gedanken zu “Hitzewellen, Depressionen und Kopfweh vom Busfahren

  1. waldstern schreibt:

    Eine Depression soll die Kombination der Gefühle Wut und Traurigkeit sein.

    Besuche daher ein Wut-Seminar oder ein Trauer-Seminar und baue eines von beiden ab. Dann sollst du auch keine Depression mehr haben.

    Viel Spaß und berichte mal, ob es wirkt.

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    • Patrizia schreibt:

      aye… ich hab auch deine mail bekommen und sogar gelesen. ich war bis anhin nur zu faul zum zurückschreiben. ein klassischer fall von prokrastination :/

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